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Tanz-AG

Es klingt zunächst vielleicht befremdlich, wenn man an einer Förderschule Hören und Kommunikation eine Tanz-AG anbietet. Gehörlosigkeit oder Schwerhörigkeit scheinen im ersten Moment Musikwahrnehmung und die damit verbundene Ausdrucksform Tanz auszuschließen. Wenn wir aber den gesamten Körper als Sinnesorgan deuten, der Musik auch in Form von vibrierender Luft als Rhythmus, als Bassgefühl im Bauch spüren und der mit dem Auge die Dynamik von Tänzern wahrnehmen kann, dann wird deutlich, dass Musik und Tanz eine großartige Form der Ausdrucksförderung sein kann.
Um es mit den Worten von Carl Orff (deutscher Komponist und Musikpädagoge) zu sagen

„Elementare Musik ist nie Musik allein, sie ist mit Bewegung, Tanz und Sprache verbunden, sie ist eine Musik, in der man nicht nur als Hörer, sondern als Mitspieler einbezogen ist.“

In der Praxis bedeutet dies zunächst, die Musik für die Schülerinnen und Schüler wahrnehmbar zu machen. Hierbei spielen verstärkende Boxen, ein großer Gymnastikball, das Wasserbett im Snoezelraum oder der einfache Fußboden eine wichtige Rolle, um den Bass spürbar zu machen.
Häufig werden Videos gesichtet, um Beispiele für den Tanz zu einem bestimmten Lied zu sehen. Heutzutage gibt es glücklicherweise viele Gebärdenvideos, in denen Dolmetscherinnen und Dolmetscher einzelne Liedtexte gebärden und darstellen. Die Gebärdensprache nimmt auch in internationalen Videos immer mehr Präsenz ein und „Stars“ wie Tobias Krämer und Nyle di Marco stiften das Ihrige hinzu. Da viele Texte englisch sind, steht zu Beginn häufig eine Übersetzung und Analyse des Liedtextes an, um sich so gefühlsmäßig dem jeweiligen Thema nähern zu können. Meist hilft es den Schülerinnen und Schülern dann, klare Tanzschritte einzustudieren, an denen sie sich orientieren können. Es wurde jedoch auch schon einmal ein modernes Ballett mit ganz freier Darstellung der Gefühle zu diesem Lied eingeübt. Schön zu sehen ist, dass kognitiv eingeschränktere Schülerinnen und Schüler häufig sehr ideenreich und frei in ihrer körperlichen Darstellungskraft sind. In allen Projekten finden sich Möglichkeiten, jede und jeden mit all seinen Stärken und Schwächen einzubeziehen.

In der Themen- und Liederwahl werden die Schülerinnen und Schüler meistens mit einbezogen, um die Motivation zu steigern. Doch eigentlich ist diese sowieso grundlegend vorhanden. Fast alle Jugendlichen haben Interesse an Musik und Tanz, da machen Kinder und Jugendliche mit Hörschädigung keine Ausnahme.

Fast jedes Jahr schaffen wir es in der Tanz-AG auf einen oder zwei Auftritt(e) hin zu proben oder ein Video zu erstellen. Dies ist für die Schülerinnen und Schüler eine tolle Möglichkeit, sich und ihre Fähigkeiten zu präsentieren. Die Resonanz in der Schülerschaft (und bei den Kolleginnen, Kollegen und Eltern) ist immer wieder bestätigend.

„Kunst ist Denken mit dem ganzen Körper.“ schrieb Josef Beuys und das können wir nur unterschreiben. Machen Sie sich selbst ein Bild!

Leitung (Text von) Julia Hündgen

Quelle: Ulrike Stelzhammer-Reichhardt: Schwerhörigkeit & Musik. Gedanken über „das Andere“ in der Musik. In: Spektrum Hören 5/2014, S. 40 – 41.